Spielzeit 2013/14

Als der Grieche Jason, Anführer der Argonauten, einst nach Kolchis kam, um das von König Aietes gehütete Goldene Vlies zu erbeuten, war es ausgerechnet dessen Tochter Medea, die ihm dabei half, seinen Auftrag zu erfüllen: Aus Liebe zu dem griechischen Eindringling verriet sie ihren Vater, ihr Land, tötete sogar ihren eigenen Bruder, um Jason zur Flucht aus Kolchis zu verhelfen, und folgte ihm auf sein Schiff, die Argo, und ins griechische Exil. Doch während Jason in Korinth, wohin das Paar mit den beiden gemeinsamen Kindern geflohen ist, schnell Zugang zu den höchsten Kreisen findet, wird seine Frau, die fremde “Barbarin”, misstrauisch beobachtet, gefürchtet und ausgegrenzt, nicht zuletzt wegen ihrer Klugheit, ihrer Zauberkünste, ihres Wissens um die Kräfte der Natur. Aber die größte Demütigung steht Medea noch bevor: Jason verlässt sie, um die Tochter des hiesigen Königs Kreon zu heiraten und damit seine politische und gesellschaftliche Stellung im Lande für immer zu sichern. Der Preis dafür ist Medeas Verbannung aus Korinth – viel zu sehr fürchtet Kreon ihre Rache, als dass er sie weiterhin im Lande dulden könnte. Zu Recht: Denn Medea rast vor Eifersucht, enttäuschter Liebe und verletztem Stolz. Und sie schmiedet grausame Rachepläne …

Schon vor mehr als 2400 Jahren stellte Euripides (ca. 485-406 v. Chr.) die Frage nach der Rolle der Frau in Gesellschaft und Privatleben. Seine Medea ist eine Außenseiterin, von der griechischen Gesellschaft verachtet und dämonisiert – schon aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Klugheit, aber auch wegen der Unbedingtheit ihres Zorns, der jede gesellschaftliche Norm sprengt: In ihrem Stolz zutiefst verletzt, ist Medea weder bereit, sich mit dem rücksichtslosen Egoismus, der Eitelkeit und dem Opportunismus ihres Mannes abzufinden, noch dazu, sich weiterhin den Spielregeln des fremden Landes anzupassen. Doch welcher Handlungsspielraum bleibt ihr noch? Welches Mittel ist erlaubt zur Verteidigung der persönlichen Würde? Wie weit geht ein Mensch, wenn ihm alles genommen wird, wenn alle Opfer umsonst waren und keine Hoffnung mehr bleibt? - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung und Kostüme: Konstanze Lauterbach
  • Bühne: Ann Heine
  • Musik: Achim Gieseler
  • Dramaturgie: Vera Ring

Alle wollen immer nur an sein Geld – Kinder, Kutscher, Koch, einfach alle! Daran zweifelt Harpagon keine Sekunde und legt daher höchstes Augenmerk darauf, den erwirtschafteten Reichtum nicht nur zu erhalten, sondern ihn gehörig zu vermehren. Radikaldiäten sind ebenso Ausdruck seines krankhaften Geizes wie Hungerlöhne und der feste Wille, seine Kinder gewinnbringend unter die Haube zu bringen: Tochter Élise will er mit dem reichen Anselmo verkuppeln, ungeachtet der Tatsache, dass dieser eher Élises Vater sein könnte und sie außerdem in seinen Angestellten Valère verliebt ist. Sein Sohn Cléante soll eine vermögende ältere Witwe heiraten, obwohl er viel lieber die junge, hübsche Mariane zur Frau nähme. Auf die hat allerdings Harpagon selbst ein Auge geworfen und drängt zu großer Eile. Es wird eng für die entsetzten Kinder, die wissen, dass ihn jetzt nur eines aufhalten kann: Geld, bzw. die Abwesenheit desselben. Und als Harpagons Geldkassette verschwindet, gerät tatsächlich alles andere zur ­Nebensache. Der Geizige rast und tobt wie ein verzweifelt Liebender, weil ihm sein Lebenselixier gestohlen wurde. Ob er nun zur Vernunft kommt?

Diese 1668 uraufgeführte Komödie war schon zu Molières Lebzeiten ein Plädoyer gegen materialistischen Wahn. Harpagon, der sich in seiner bedingungslosen Liebe zum Geld von Gesellschaft, Familie und sich selbst so dermaßen entfremdet, dass er bedrohliche Züge annimmt, ist kein Relikt längst vergangener barocker Zeiten. Wäre “Der Geizige” heutzutage geschrieben worden, würde er sich nahtlos in die Flut kapitalismuskritischer Publikationen einreihen, die der Zeitgeist angesichts europaweiter Finanzkrisen derzeit auf den Markt bringt. Die ursprünglich der Existenzsicherung dienende Anhäufung von Kapital hat sich verselbstständigt; Harpagons Traum vom unabhängigen, selbstbestimmten Leben in Wohlstand ist zur Fixierung aufs Kapital, zum menschenverachtenden Götzendienst verkommen. Dieses Dilemma höchst unterhaltsam und komödiantisch auf die Bühne zu bringen, ist die große Kunst Molières.

Regisseur Jasper Brandis wurde 1971 in New York City geboren und studierte zunächst Jura in Hamburg, bevor er 1996 als Regieassistent am Deutschen Schauspielhaus Hamburg engagiert wurde. Seit 1999 ist er als freier Regisseur tätig und inszenierte u. a. am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, am Schauspiel Hannover, am Theater Heidelberg, an den Staatstheatern Karlsruhe und Oldenburg, am Schauspiel Köln, am Nationaltheater Weimar, am Bremer Theater, am Theater an der Parkaue in Berlin, am Theater Aachen, am Deutschen Theater Göttingen und am Toneelhuis Antwerpen. Außerdem arbeitet er als Dozent und Theaterlehrer. Am Schauspiel Essen inszenierte er in der Spielzeit 2012/13 “Die Präsidentinnen”. - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung: Jasper Brandis
  • Bühne und Kostüme: Katrijn Baeten, Saskia Louwaard
  • Dramaturgie: Carola Hannusch

Wohnzimmer, ein wunderbarer Ort. Es gehört Familie Hoffmann, denkt Familie Hoffmann. Doch in Wirklichkeit gehört es den Mäusebrüdern Franz, Willi und Anton und ihrer Freundin, der Spinne. Hier, unter dem Sofa, lässt es sich prima leben und spinnen, hier kann man vom Boden essen – es findet sich immer etwas. Zwei Dinge nur, die sowohl der einfachen Hausmaus als auch einer Spinne gefährlich werden können: der Staubsauger und der Hoffmann, von dem es immerhin drei Arten gibt, “Menschen, Omas oder Kinder”. Doch dank gezielten Trainings sind unsere drei Mäuse Meister im Unsichtbarwerden! Bis zu jenem folgenschweren Tag, an dem der dicke Willi von Frau Hoffmann entdeckt wird, als er sich mutig dem Staubsauger entgegenstellt. Von nun an findet sich kein Krümelchen mehr auf dem Boden – eine traurige Vorweihnachtszeit für die drei Brüder und auch für ihre Tante Lizzy, die doch extra wegen der “schnaften Plätzchen” angereist ist. Als dann auch noch der Wunschzettel des Hoffmann-Kindes unter dem Sofa landet, das sich nichts mehr wünscht als eine Katze, scheint das lang ersehnte Weihnachtsfest auf eine Katastrophe hinauszulaufen. Und tatsächlich: Am Heiligen Abend hält ein gefährlicher Mitbewohner Einzug ins Wohnzimmer …
So wird die Vorweihnachtszeit zum Abenteuer: Mit einer gehörigen Portion Mut und gesundem Mäuseverstand trotzen die drei frechen Nager allen Gefahren, und am Ende wissen wir, dass Musik sogar die sprichwörtliche Feindschaft zwischen Katz und Maus überwinden kann. Und freuen uns schon auf den ersten Hauch von Plätzchenduft - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung: Christian Tombeil
  • Musikalische Leitung: Hajo Wiesemann
  • Bühne und Kostüme: Gabriele Wasmuth
  • Choreografie: Marcus Grolle
  • Dramaturgie: Vera Ring

Der Bankangestellte Josef K. wird am Morgen seines 30. Geburtstages verhaftet. Doch es wird keine Anklage formuliert, und er darf auch sein alltägliches Leben weiterhin in Freiheit führen. Dennoch lasten ab jetzt unweigerlich das Gefühl der Ohnmacht sowie die Frage nach Schuld auf ihm. K. macht sich also auf die Suche, scheint aber stets Spielball eines undurchschaubaren bürokratischen Systems zu bleiben. Sein Weg, gesäumt von erotischen Eskapaden und absurd-­unheimlichen Abenteuern, führt ihn in verschiedensten Episoden immer wieder in eine nicht von ihm beeinfluss- oder beherrschbare Lage. Sind es Prüfungen, denen er unterzogen wird? Und welche Gesetze walten dort eigentlich?

Franz Kafkas Roman “Der Prozess”, zwischen 1914 und 1915 entstanden, Fragment geblieben und posthum erschienen, zeigt parabelhaft das sinnentleerte Dasein und ziellose Streben des Individuums in einer anonym gewordenen Welt. Dem Protagonisten steht eine geschlossene Ordnung gegenüber, die nicht nur ihrem eigenen Regelwerk folgt, sondern sich auch in allen Lebensbereichen manifestiert – in der Arbeit, in den zwischenmenschlichen Beziehungen, sogar in der Kirche findet K. plötzlich Angehörige dieses Gerichts. Dass er die systemische Eigenlogik erst erfüllt, indem er mitspielt, ist K. dabei kaum bewusst. So wird er immer tiefer in ein Labyrinth hineingezogen. Da ihm die herrschenden Regeln unbekannt sind, kann er letztlich nur verlieren: Das Todesurteil wird vollstreckt, ohne vorherige Verkündung. Damit geht K. zugrunde an einer Welt, die sich längst jeder Sinnhaftigkeit entzogen hat. - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung: Moritz Peters
  • Bühne: Lisa Marie Rohde
  • Kostüme: Christina Hillinger
  • Musik: Tobias Schütte
  • Videografie: Daniel Frerix
  • Dramaturgie: Anna-Sophia Güther