Spielzeit 2014/15

”Wir sind die Guten! Warum attackiert ihr uns? Wir verstehen es nicht. Wir sind weltoffen und tolerant, und der Islam gehört zu Deutschland. Warum werden wir zur Zielscheibe? Jahrelang haben wir hier in unserem bunten Viertel in guter Nachbarschaft gelebt. Und jetzt fühlen wir uns fremd im eigenen Land und haben Angst, vor die Tür zu treten! Das muss man doch mal sagen dürfen. Sicher wollen wir uns sicher fühlen, und dafür kämpfen wir – notfalls mit Waffengewalt. Wir alle bringen Opfer, nicht zuletzt für eure Freiheit. Ich hör immer Respekt: Aber Respekt ist keine Einbahnstraße. Demokratie fußt nun mal auf der Bereitschaft Kompromisse einzugehen. Und damit sprechen wir nur aus, was die schweigende Mehrheit denkt.” 
– Schockiert stehen Mittelstandsbürger nach einem verheerenden Attentat vor den Trümmern ihrer ‚Toleranz‘. Hilflos ringen sie um Fassung, suchen nach Lösungen, kämpfen gegen Rachegelüste und Hass und verstehen ihre heile Welt nicht mehr.

Mark Ravenhill gehört seit dem durchschlagenden weltweiten Erfolg seines ersten abendfüllenden Stückes “Shoppen und Ficken” im Jahre 1996 zu den führenden zeitgenössischen Dramatikern Großbritanniens. “Shoot / Get Treasure / Repeat” schrieb er 2007 unter dem Eindruck der Bombenattentate auf die Londoner U-Bahn. Diffuse Terrorismusangst, verstärktes Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung, nahezu paranoide Angst vor Islam und allem Fremden, Hoffnung, durch kriegerische Einsätze Herr der bedrohlichen Weltlage zu werden … – dies sind nur einige der Themen, die Ravenhill in seiner Szenenfolge aufgreift. Das Stück hat acht Jahre später nichts von seiner Aktualität verloren, im Gegenteil, es gewinnt jetzt, 2015, eine noch größere Brisanz: Pegida, das Attentat auf “Charlie Hebdo” und die heftig geführte Diskussion, die seitdem Deutschland und ganz Europa beherrscht, weisen auf eine tiefe Spaltung unserer Gesellschaft hin. Wo verläuft die Grenze zwischen Toleranz und wehrhafter Demokratie? Gelten unsere westlichen Werte universal? Für welche Werte müssen wir zur Not mit der Waffe in der Hand kämpfen? Darf Satire alles? Wo hört die Meinungsfreiheit auf, wo beginnt Provokation? Ist Respekt vor Religionen der Anfang oder das Ende der Aufklärung? Wovor haben wir wirklich Angst? - © Schauspiel Essen

 

  • Inszenierung: Hermann Schmidt-Rahmer
  • Bühne und Videographie: Adrian Ganea
  • Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch
  • Dramaturgie: Carola Hannusch 

Nawal ist verstummt. Vor fünf Jahren hat sie von einem Tag auf den anderen aufgehört zu sprechen – seitdem kam kein Wort, kein Laut, nichts mehr aus ihrem Mund. Jetzt, nach ihrem Tod, hinterlässt sie eine Nachricht an ihre Kinder, die Zwillinge Jeanne und Simon. Es ist ihr letzter Wille, dass die beiden zwei verschlossene Briefumschläge übergeben – ihrem tot geglaubten Vater und einem unbekannten Bruder. Jeanne und besonders Simon sträuben sich zunächst gegen Nawals Wunsch; zu fremd war die Mutter ihnen geworden. Im Nahen Osten, der Heimat ihrer Mutter, macht Jeanne sich schließlich doch auf die Suche. Es ist eine Reise zu ihren Wurzeln, in eine Vergangenheit aus Hass, Gewalt und Krieg – und einer großen Liebe, die nicht gelebt werden durfte. Was die Zwillinge bei dem Versuch, den letzten Willen ihrer Mutter zu erfüllen, über die Geschichte ihrer Familie und damit auch über sich selbst herausfinden, stellt alles, woran sie glaubten, in Frage.

Der frankokanadische Autor Wajdi Mouawad, 1968 im Libanon geboren und vor dem Bürgerkrieg nach Kanada geflohen, erzählt in “Verbrennungen” eine erschütternde Familiengeschichte archaischen Ausmaßes, die sich leicht auf zahlreiche gegenwärtige politische Konflikte übertragen lässt. Mouawad verbindet die individuelle Familientragödie mit der kollektiven Katastrophe Krieg und thematisiert gleichermaßen verstörend wie berührend, aber auch ungeheuer poetisch die Schwierigkeit, selbst in unserer vermeintlich zivilisierten Welt einer sich ewig weiterdrehenden Gewaltspirale zu entfliehen. Die Verfilmung des Theaterstücks unter dem Titel “Die Frau, die singt” wurde 2011 als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert. - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung: Martin Schulze
  • Bühne: Daniel Roskamp
  • Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch
  • Musik: Dirk Raulf 
  • Videographie: Tobias Bieseke 
  • Dramaturgie: Jana Zipse 

Die Nächte sind lang im Berlin der ausgehenden Zwanziger Jahre: Die Musik spielt bis in die frühen Morgenstunden, der Champagner fließt in Strömen, und die Mädchen sind schöner denn je. Leichter bekleidet übrigens auch: Glanz, Glamour, Dekadenz und Freizügigkeit haben Hochkonjunktur “Unter den Linden”. In zahllosen Nachtclubs und Kaschemmen tanzt, trinkt und feiert man den grauen Alltag hinweg, die Inflation, die Armut, die Arbeitslosigkeit und die Angst vor der Zukunft gleich mit. Keine Frage: Hier lässt es sich leben – wenn man Geld hat. Der junge, amerikanische Schriftsteller Cliff Bradshaw hat keines, aber dafür das Glück, sich schon auf der Reise nach Berlin mit dem sympathischen Ernst Ludwig anzufreunden. Der bringt ihn nicht nur bei der tatkräftigen Witwe Fräulein Schneider unter, sondern auch gleich am ersten Abend in den Kit Kat Klub, den “heißesten Platz von Berlin”. Hier lernt Cliff den Star der Show, die unwiderstehliche Nachtclub-Sängerin Sally Bowles, kennen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Und auch Cliffs Hauswirtin Fräulein Schneider findet in Herrn Schulz, dem schüchternen jüdischen Obsthändler, ein spätes Glück. Doch während in der kleinen Pension am Nollendorfplatz der Himmel noch voller Geigen hängt, ziehen über Deutschland dunkle Wolken auf … 

1929 kam der britische Schriftsteller Christopher Isherwood nach Berlin – und war fasziniert von der brodelnden Atmosphäre der noch jungen Republik, die zwischen Weltwirtschaftskrise und Machtergreifung der Nazis geprägt war von Unterhaltungsindustrie und Vergnügungssucht, von sozialen Spannungen und politischer Gewalt. Seine Tagebuchskizzen wurden unter dem Titel “Goodbye to Berlin” veröffentlicht und als Vorlage des Musicals “Cabaret” weltberühmt. 1966 am New Yorker Broadway uraufgeführt, gewann das Musical acht amerikanische “Theater-Oscars”, die Tony-Awards; die Filmversion mit Liza Minnelli zog 1972 mit acht “echten” Oscars nach. -© Schauspiel Essen 

  • Inszenierung: Reinhardt Friese
  • Musikalische Leitung: Hajo Wiesemann
  • Choreographie: Stephan Brauer
  • Bühne: Günter Hellweg
  • Kostüme: Annette Mahlendorf
  • Dramaturgie: Vera Ring 

Ein geheimnisvoller Fremder zieht durch ein von Ratten befallenes Dorf. Er bietet seine Dienste als Musiker an, um die Menschen von ihrer Plage zu befreien: Verzückt von seiner Flötenmusik folgen ihm die Ratten und verlassen das Dorf. Als die Dorfbewohner ihrem Retter jedoch nach vollendeter Tat den Lohn verweigern, lockt dieser ihre Kinder den Ratten gleich fort. 

Die jahrhundertealte Sage des “Rattenfängers von Hameln” versetzt der englische Dramatiker Martin Crimp in seinem Libretto in die Gegenwart und erweitert sie so um politische und soziale, aber auch surreale Ebenen, die eine Vielzahl von Assoziationen und Deutungen zulassen. Der Komponist George Benjamin, geboren 1960 in London, hat sein 2006 uraufgeführtes erstes Bühnenwerk als “Lyrische Erzählung” für zwei Frauenstimmen und 15 Instrumentalisten konzipiert, für die er 2008 mit dem Preis der Royal Philharmonic Society ausgezeichnet wurde. Benjamins erste große Oper “Written on Skin”, ebenfalls nach einem Text von Martin Crimp, wurde 2012 beim internationalen Musikfestival in Aix-en-Provence uraufgeführt. - © Schauspiel Essen

 

  • Inszenierung: Kay Link
  • Musikalische Leitung: Manuel Nawri
  • Bühne und Kostüme: Anne Koltermann, Andreas Jander
  • Dramaturgie: Alexander Meier-Dörzenbach, Janina Zell

1914: Ernst Toller, einer der meistgespielten Dramatiker des frühen 20. Jahrhunderts, zieht als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg. Seine anfängliche Begeisterung schwindet rasch angesichts des erlebten Kriegsgrauens. Für nicht wehrfähig erklärt, kehrt er als radikaler Pazifist zurück, den sein politisches Engagement für die Münchner Räterepublik fünf Jahre ins Gefängnis bringt. Nach traumatischen Kriegserfahrungen, dem Scheitern der politischen Utopie und Jahren der Haft nimmt sich Toller 1939 im Alter von nur 45 Jahren desillusioniert im New Yorker Hotel Mayflower das Leben. 

2014: Die Bundeswehr wird einen Großteil ihrer Kampftruppen aus Afghanistan abziehen. Zurück kehren Soldaten, die an Kriegseinsätzen teilgenommen haben und von denen viele an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Heute wie vor 100 Jahren versuchen Kriegsheimkehrer den Wiedereinstieg in ihren Alltag, stellen die Frage nach Sinn und Nutzen ihres Einsatzes und hoffen auf eine Verarbeitung ihrer Erlebnisse. 

In seiner 1933 verfassten Autobiografie “Eine Jugend in Deutschland” zeichnet Ernst Toller nicht nur ein beeindruckendes Bild seiner eigenen Jugend in ihrer Zerrissenheit, sondern porträtiert nach eigener Ansicht “die Jugend einer Generation und ein Stück Zeitgeschichte dazu”. In einem Hotelzimmer in New York lässt er noch einmal sein Leben an sich vorüberziehen – ein maßgeblich von den Geschehnissen des Ersten Weltkriegs geprägtes Leben, welches den deutschen Schriftsteller, Politiker und Revolutionär jüdischer Herkunft immer wieder mit dem Dilemma konfrontiert, dass die Erreichung pazifistischer und politischer Ziele unter Umständen den Einsatz von Gewalt rechtfertigt oder sogar erzwingt. Tollers Lebensstationen werden mit Zeitdokumenten und Berichten von Heimkehrern aus Afghanistan und anderen Kriegs- und Krisengebieten kombiniert. Erfahrungen aus dem unmittelbaren Einsatz, erlittene Traumata und deren Bewältigung sowie die Frage, wie ein Leben nach dem Krieg aussehen kann, verdichten sich zu einer Collage, die über eine rein historische Betrachtung des Phänomens Krieg hinausgeht und die Frage nach der Notwendigkeit kriegerischer Einsätze stellt – nicht zuletzt angesichts aktueller Debatten und Vorwürfe: Verhält Deutschland sich in Konflikten zu passiv? - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung: Moritz Peters 
  • Bühne: Lisa Marie Rohde 
  • Kostüme: Christina Hillinger
  • Musik: Tobias Schütte  
  • Videografie: Daniel Frerix
  • Dramaturgie: Carola Hannusch