Spielzeit 2015/16

Hat sie dieses große Paket wirklich bestellt? Berti Bartolotti kauft zwar sehr gern ein, doch an diese Riesenbestellung kann sie sich beim besten Willen nicht erinnern. Andererseits ist bei der schrulligen Dame alles möglich. Also wird frisch ausgepackt. Im Karton steckt eine Konservenbüchse, in der wiederum Konrad steckt: ein Junge, der Elternherzen höher schlagen lässt. Denn er wurde von einer Firma als Traumkind programmiert – höflich, ehrlich, wohlerzogen. Und sowas soll Frau Bartolotti bestellt haben? Zweifelnd behält sie den Musterknaben und päppelt ihn mittels beigelegter Nährlösung auf. Berti hat so ihre Schwierigkeiten mit dem fürchterlich anständigen Konrad, der freiwillig ins Bett geht und keine Schokolade mag. Als jedoch die Familie, die Konrad in Wirklichkeit bestellt hatte, darauf besteht, ihr Wunschkind abzuholen, merkt Frau Bartolotti, dass sie den Jungen schon längst ins Herz geschlossen hat und ihn keineswegs zurückgeben möchte. Da gibt es nur eine Lösung: Aus dem Traumjungen muss ein Albtraum auf zwei Beinen werden, den kein Elternpaar freiwillig mitnehmen würde! Also macht sich Berti mit ihrem Freund, dem Apotheker Egon, und der Nachbarstochter Kitty an die Arbeit. Es wäre doch gelacht, wenn aus Konrad kein rotzfrecher Bengel werden würde … 

Christine Nöstlingers Kinderbuchklassiker aus dem Jahre 1975 ist ein humorvolles Plädoyer für Nonkonformität, (zivilen) Ungehorsam und unkonventionelle Erziehungsmethoden. Unterschied­licher könnten sie kaum sein: hier die schrille, kinderlose Künstlerin, dort das genormte, optimal programmierte Vorzeigekind, hier der biedere Apotheker, dort das freche Nachbarsmädchen. Wie diese vier sich erst vorsichtig annähern und dann gemeinsam dafür kämpfen, dass Konrad nicht zu den Spießereltern muss, die sich einen Sohn nach Maß bestellt haben, ist eine äußerst unterhaltsame Geschichte über wahre Freundschaft, ungewöhnliche Familienmodelle und Toleranz. - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung: Henner Kallmeyer
  • Bühne: Franziska Gebhardt
  • Kostüme: Anne Koltermann
  • Musik: Rezo Tschchikwischwilli
  • Dramaturgie: Carola Hannusch

Henry Higgins hat eine Passion: Sprache! Der Phonetiker erkennt auf Anhieb jeden Slang und weiß genau, woher jemand kommt, sobald die- oder derjenige nur den Mund aufmacht. Auch das Blumenmädchen Eliza Doolittle hat er gleich in eine Schublade gesteckt: derb und ungebildet und aus einfachen Verhältnissen stammend. Schublade zu. Doch dann packt ihn der Ehrgeiz. Wetten, dass er binnen sechs Monaten aus der frechen Göre eine feine Dame machen kann? Dafür müsste er ja nur ihren Gossenjargon in gesellschaftsfähigen Konversationston verwandeln. Denn so wie Kleider Leute machen, macht es die Sprache doch noch viel mehr! Also wird erbarmungslos gepaukt und intoniert. Während Eliza dabei vom sozialen Aufstieg träumt, sieht der eingefleischte Junggeselle Higgins in ihr nur ein ideales Versuchsobjekt – und ignoriert vehement, dass ihm das rotzige Blumenmädchen eigentlich sehr gefällt …

Wie viel verrät Sprache über einen Menschen und dessen Herkunft? Inwiefern stigmatisieren ihn Wortwahl, Dialekt und Sprachschatz? Ist der „richtige Ton“ die Eintrittskarte zu einer besseren Welt? Oder verliert man mit ihm einen Teil der eigenen Identität? George Bernard Shaw nimmt 1913 in seiner Komödie „Pygmalion“ romantische Aufstiegsträume und menschlichen Perfektionswahn aufs Korn. Was ein selbstloser Bildungsauftrag zu sein scheint, entpuppt sich bald als männliche Allmachtsphantasie. Beim Wunsch, ein Wesen nach seinen Vorstellungen zu formen, verliert Higgins das junge Mädchen und dessen Gefühle dermaßen aus den Augen, dass die Sprecherziehung für Eliza zwangsläufig auch zu einer Schule der Emanzipation wird. Frederick Loewe und sein Librettist Alan Jay Lerner brachten 1956 den Stoff als Musical an den Broadway: „My Fair Lady“ gehört seitdem mit Evergreens wie „Es grünt so grün“ oder „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ zu den beliebtesten Musicals aller Zeiten. - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung: Robert Gerloff
  • Musikalische Leitung: Hajo Wiesemann
  • Choreografie: Stephan Brauer
  • Bühne: Maximilian Lindner
  • Kostüme: Johanna Hlawica
  • Videografie: Heta Multanen
  • Dramaturgie: Carola Hannusch

Da denkt man, man kenne seine ältesten Freunde so gut, dass sie einen nicht mehr schockieren können – und dann das: Serge kauft sich ein Bild. Für sehr viel Geld. Für WIRKLICH viel Geld. Aber nicht etwa einen Picasso oder irgendetwas anderes, das sich unbestreitbar als Kunstwerk erkennen ließe. Nein: Serge kauft sich ein weißes Bild mit weißen Streifen und hält es für Kunst. Sein Kumpel Marc hingegen hält es für “eine Scheiße”. Bevor die beiden sich darüber in die Haare bekommen, soll der gemeinsame Freund Yvan vermitteln und bei dem Streit zwischen den Freunden klar Position beziehen. Da ist es natürlich wenig hilfreich, dass Yvan beiden Zugeständnisse macht und die Lage damit verschlimmbessert. Für Marc bleibt das Bild “eine Scheiße”, für Yvan ist es “eine Scheiße mit einem Gedanken dahinter”, für Serge bleibt es Kunst. Serge hält Marc für humorlos, Marc hält Serge für snobistisch und Yvan hat Angst vor der eigenen Hochzeit. 

Mit “Kunst” hat sich die französische Autorin Yasmina Reza 1994 schlagartig in die erste Liga der weltweit gespielten Dramatiker katapultiert. Ihr satirisches Bühnenstück über drei Freunde, die – ausgelöst durch eine weiße Leinwand – einen mitunter handgreiflichen Disput führen und dabei mit Plattitüden und Worthülsen um sich werfen, in denen vom Kunstverständnis im Speziellen bis zu Ansichten über das Leben im Allgemeinen das gesamte Fundament ihrer Freundschaft durchdekliniert und hinterfragt wird, wurde ein Dauerbrenner in zahlreichen Theatern und zählt zu den meistgespielten zeitgenössischen Komödien. Yasmina Reza wurde für “Kunst” u. a. mit dem “Prix Molière” ausgezeichnet. - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung: Anne Spaeter
  • Bühne und Kostüme: Fabian Lüdicke
  • Dramaturgie: Jana Zipse

Die Sache mit dem Kinderkriegen haben sich East und Naomi anders vorgestellt – ganz anders. Doch jetzt ist das Kind da: Um fünf Uhr morgens liegt es, augenscheinlich frisch geboren, in einem Körbchen auf der Türschwelle des Paares. Und damit fangen die Merkwürdigkeiten erst an, denn innerhalb weniger Minuten lernt der Kleine tanzen, dann sprechen, wächst rapide, und keine Stunde später trinkt er raue Mengen Kaffee, raucht Kette und sinniert über die conditio humana. Keine leichte Auf­gabe für die plötzlichen Eltern, dem hastig Christopher genannten Jungen die Geheimnisse der Welt und des menschlichen Lebens zu vermitteln, bevor er in der Midlife-Crisis angekommen ist. 

In dieser pechschwarzen Komödie rast ein Dasein im Schnelldurchlauf in einen Strudel aus Familie, Glück, Liebe, Exzess, Gewalt und Depression. Nach und nach gerät Christophers Zeitraffer-Leben in der Küche von East und Naomi bedrohlich außer Kontrolle und stößt die beiden nebenbei auf ihre eigenen ungelösten Probleme. Humorvoll und berührend, aber auch grotesk und beängstigend legt das Stück unerbittlich den Finger in eine ewige menschliche Wunde, indem es die banalste und abgründigste aller Fragen radikal stellt: Wie sollen wir die Zeit nutzen, die uns an jedem einzelnen Tag auf dieser Welt gegeben ist?

Es sind stets die großen Fragen und Themen, die Noah Haidle, geboren 1978 in Michigan, zum Kern seiner Stücke macht: Es geht um Liebe und Tod, um Älter- und Altwerden, um Einsamkeit und Verlust – um ein ganzes Leben eben. - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung und Bühne: Thomas Krupa
  • Kostüme: Johanna Denzel
  • Dramaturgie: Florian Heller