Spielzeit 2016/17

Galileo Galilei möchte das neue kopernikanische Weltsystem beweisen – nicht nur seinem Schüler Andrea, sondern gleich der ganzen Welt. Doch mit der Erkenntnis, dass sich keineswegs alles um die Erde dreht, wirft der italienische Mathematiker und Astronom (1564-1642) ein ganzes Weltbild über den Haufen, mehr noch: „Das Weltall hat über Nacht seinen Mittelpunkt verloren.“ Die erschütternden Erkenntnisse lassen insbesondere die katholische Kirche aufhorchen: Wo ruht das Auge Gottes auf einer Erde, die nicht mehr das Zentrum der Welt bildet, sondern ein Gestirn wie unzählige andere ist? Wie soll ein geknechtetes Volk unter diesen Umständen einen Sinn im irdischen Dasein erkennen? Welche Rolle spielt da noch die Heilige Schrift? Galilei schlägt alle Warnungen in den Wind; zu stark ist sein Wille zur Wahrheit. Er versucht, die höchsten Kirchenvertreter im Vatikan von seiner Forschung zu überzeugen. Seine Werke kommen jedoch auf den Index, und der Astronom verfällt in jahrelanges Schweigen. Als ein der Wissenschaft zugewandter neuer Papst berufen wird, schöpft Galilei Hoffnung. Aber diesmal zeigt ihm die Inquisition ihre Instrumente – 23 Tage später widerruft er seine Lehre.

„Unglücklich das Land, das keine Helden hat“, werfen ihm seine enttäuschten Schüler vor. „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, lautet die Antwort des zwischen Forschungsdrang, eigenen Machtbestrebungen und Kircheninteressen aufgeriebenen Wissenschaftlers, der Bertolt Brecht seit einer ersten Fassung seines Schauspiels in den Jahren 1938/1939 beschäftigte. Steht der Kampf Galileis um den Sieg der Vernunft zu Beginn noch in deutlichem Bezug zum nationalsozialistischen Deutschland, gewinnt die Frage nach dem gleichermaßen revolutionären wie gefährlichen Potenzial der Wissenschaft in weiteren Fassungen an Bedeutung. Nach wie vor bietet Brechts Schauspiel einen spannenden Diskurs über Wahrheitssuche und Zweifel, Meinungsfreiheit und totalitäre Strukturen, Opportunismus, Forschung und vor allem (Fortschritts-)Glauben und stellt nicht zuletzt zur Diskussion, ob jemand wie Galileo Galilei ein Held oder ein Verräter ist. - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung: Konstanze Lauterbach
  • Musikalische Leitung: Achim Gieseler
  • Bühne: Ann Heine
  • Kostüme: Claudia Charlotte Burchard
  • Dramaturgie: Jana Zipse

In einem russischen Provinznest besteht das Leben vornehmlich aus süffisanten Disputen über Kultur und Halstücher. Die vermögende Witwe Warwara und der ihr seit Jahren verbundene Schöngeist Stepan beherrschen die hohe Kunst der leeren Rede und haben sich in einer Gesellschaft realitätsferner Intellektueller wohlig eingerichtet – bis die Rückkehr ihrer Söhne sie und den gesamten Ort ins Chaos stürzt. Warwaras Sohn Nikolaj ist ein rätselhafter Charismatiker, dessen irritierendes Verhalten nicht nur seiner Mutter Rätsel aufgibt. Woher kommen seine plötzlichen Wutausbrüche? Was verbindet ihn mit der verrückten Marja? Ist er womöglich selber geisteskrank? Seine Unberechenbarkeit macht ihn zugleich attraktiv – für die Damenwelt und für den anderen Neuankömmling Pjotr. Der will die lahme Greisengesellschaft aufrütteln. Die Zeit der Alten ist abgelaufen! Es reicht ihm nicht, seinen Vater Stepan bloßzustellen und einen Keil zwischen ihn und Warwara zu treiben. Nein, Pjotr möchte die Welt verändern. Der radikale Atheist sammelt eine Schar von Revolutionären um sich mit dem Ziel, eine totalitäre Weltordnung durchzusetzen. Dafür geht er notfalls über Leichen. Jedoch fehlt ihm noch die Lichtgestalt an der Spitze der Bewegung, eine Person, die die Massen verführen kann. Wer könnte das besser als der charismatische Nikolaj? Immer mehr Menschen geraten in den zerstörerischen Sog der beiden Männer …

Dostojewski greift in seinem zwischen 1870 und 1872 entstandenen großen Roman historische Ereignisse rund um den Terroristen Netschajew auf und entwickelt daraus ein faszinierendes, bisweilen surreal anmutendes Meisterwerk über Glaube und Fanatismus, Moral und Skrupel, Revolution und Religion. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert beschreibt Dostojewski nicht nur spannungsvoll den erbitterten Kampf der Generationen, sondern nahezu prophetisch die Mechanismen von Faschismus, Stalinismus und Terrorismus. Zugleich seziert er schonungslos ein desillusioniertes Menschengeschlecht auf der Suche nach Erlösung in einer gottlosen Welt – getrieben, fanatisch, verführbar. - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung: Hermann Schmidt-Rahmer
  • Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Friederike Külpmann
  • Kostüme: Ines Burisch
  • Videografie: Stefan Bischoff
  • Dramaturgie: Carola Hannusch

Was denn, schon fünf Uhr? Dem geheimen Zauberrat Beelzebub Irrwitzer läuft die Zeit davon! Bis zum letzten Glockenschlag der Silvesternacht muss er sein Soll an bösen Taten für dieses Jahr erfüllen, andernfalls droht ihm die Pfändung durch den Gerichtsvollzieher. Seine Tante, die Geldhexe Tyrannja Vamperl, steckt im gleichen Schlamassel, und so hecken die beiden einen wahrhaft irrwitzigen Plan aus: Mit Hilfe eines Zaubertranks soll es ihnen gelingen, die verbleibende Zeit bis Mitternacht für abscheuliche Taten zu nutzen. Der eigens dafür gebraute satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch hat die geradezu ideale Eigenschaft, alles, was man wünscht, ins Gegenteil umzukehren. Man redet also vom allgemeinen Wohlstand und erzeugt in Wirklichkeit Elend, man spricht vom Frieden, und das Ergebnis ist Krieg. Eine großartige Boshaftigkeit, finden die beiden. Doch zum Glück gibt es da ja noch den kleinen, kugelrunden Kater Maurizio di Mauro und den zerrupften Raben Jakob Krakel. Die beiden sind vom Hohen Rat der Tiere als Spione zu Hexe und Zauberer geschickt worden, um deren krumme Machenschaften zu beobachten und zu verhindern. Und tatsächlich haben sie in einem Versteck den bösen Plan belauscht und erfahren, dass schon der erste Ton vom Neujahrsläuten genügen würde, die Umkehrwirkung des Zaubertranks aufzuheben …

Mit einer gehörigen Portion Mut und findigen Ideen begeben sich die tierischen Freunde in einen Wettlauf mit der Zeit und setzen vom Schnabel bis zur Schwanzspitze alles daran, die Welt zu retten. Mit Dominik Dittrichs eigens komponierten Liedern – wie bereits in der Spielzeit 2014/2015 bei „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ gespielt von der Hamburger Kult-Band Tante Polly – wird der beliebte Klassiker von Michael Ende Klein und Groß verzaubern. - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung: Anne Spaeter
  • Musikalische Leitung: Dominik Dittrich
  • Bühne: Fabian Lüdicke
  • Kostüme: Anne Koltermann
  • Dramaturgie: Jana Zipse

Mitten im Wald, fernab der Menschen lebt der junge Parsifal. Ohne Vater und von seiner Mutter Herzeloide streng behütet aufgewachsen, weiß er nichts von der Welt, in die es ihn zieht und die für ihn mit unbegreiflichen Lichtgestalten, Engeln und Rittern bevölkert scheint. Als die Mutter stirbt, macht sich Parsifal auf den Weg: ein Weltensuchender, Weltenzerstörer und Weltenschöpfer auf der Jagd nach einem Prinzip, einem sinnstiftenden Zusammenhang, einer Aufgabe, einem Gott.
Zugleich schwindet die Kraft der Gralsgesellschaft: Ihrem Anführer König Amfortas wurde in einem Moment der Schwäche durch die Verführung der rätselhaft-schönen Kundry von seinem Gegenspieler Klingsor eine gefährliche Wunde beigebracht. Zwar bleibt Amfortas durch die regelmäßige Enthüllung des Heiligen Grals am Leben, die Wunde des Königs verheilt jedoch nicht, bricht immer wieder auf. Die Situation scheint ausweglos. Doch da betritt Parsifal die Bildfläche…

Ein junger Mann ohne gültiges Leitbild in einer patriarchalisch geprägten Welt macht sich auf die Suche nach einem Ordnungsprinzip und findet: die Gralsgemeinschaft – eine Gruppe zutiefst diszipliniert-religiöser Männer, die sich einem besonderen Kodex verschrieben haben. Heute scheint eine neue Generation von Parsifals heranzuwachsen, verzweifelt auf der Suche nach einem Wertesystem, mit dessen Hilfe sich die Welt in richtig/falsch, gut/böse und konsequent-radikal/inkonsequent-verweichlicht unterteilen lässt. Vor diesem Hintergrund liest sich Richard Wagners 1882 uraufgeführtes Bühnenweihfestspiel wie eine übersteigerte Fantasie. Mehr noch: wie eine Welt, erbaut, um der Entfremdung von der realen zu trotzen, und als Ausdruck des Wunsches, der „Eine“ zu werden, der die ins Chaos gestürzte globalisierte Welt erlösen und das Leiden abschaffen wird. Wagners auf drei Akte verdichtete Version des Mythos gestaltet Parsifal zum „reinen Toren“, zu einer Imitatio Christi, befähigt, der leidenden Gralsgesellschaft die verlorene Reliquie des heiligen Speers, vor allem aber den Glauben und die Stärke ihrer Prinzipien zurück zu bringen. Und während in Wagners Musik Rausch und Verklärung zur „ungeheuerlichen Schmerzensausdruckskraft“ (Thomas Mann) werden, geht Tankred Dorsts „Parzival“ gut 100 Jahre später einen ganz anderen, ebenso schmerzensreichen Weg, der in den Rausch des Tötens und der Zerstörung führt und dem Dorst „bis nach Stalingrad und auf den Himalaya“ folgt. - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung: Gustav Rueb
  • Bühne und Video: Florian Barth
  • Musikalische Leitung und Komposition: Eric Schaefer
  • Kostüme: Dorothee Joisten
  • Dramaturgie: Florian Heller

Drei Frauen – ein Schicksalstag: Eden, Shirin und Mina leben und arbeiten in Israel und im Gazastreifen. Eden Golan, 50, lehrt jüdische Geschichte in Jerusalem. Die liberale Professorin ist Mitglied im „Komitee für den Dialog“ und warnt vor übersteigertem Nationalismus. Als sie nur knapp einem Selbstmordattentat entgeht, beginnen die Zweifel. Die Palästinenserin Shirin Akhras, 20, studiert die Geschichte Palästinas an der Islamischen Universität Gaza und will Märtyrerin für ihr Volk werden. Und dann ist da noch Mina Wilkinson, 40 Jahre alt. Die amerikanische Soldatin ist in der Krisenregion stationiert und wünscht sich nichts sehnlicher als zurück in die USA zu kehren; zu fremd und unverständlich erscheinen ihr die zwei Welten, deren Unversöhnlichkeit ihre Arbeitsgrundlage bildet. Die Lebensentwürfe der drei Frauen könnten unterschiedlicher kaum sein. Als aber ihre verschiedenen Kulturen und Religionen aufeinanderprallen und zu explodieren drohen, wird deutlich, dass es sich hier letztlich „nur“ um extrem divergierende Perspektiven auf ein und dasselbe Schicksal, auf ein und dieselbe Welt handelt. Folgerichtig wählt der italienische Dramatiker Stefano Massini für die Darstellung dieser drei Frauenfiguren die Form des Monologs: drei Welten in einem Wesen. 

Stefano Massini, geboren 1975 in Florenz, gehört zu den wichtigsten neuen Autoren des italienischen Theaters. Zu den erfolgreichsten Texten des mehrfach ausgezeichneten Dramatikers zählen „Eine nicht umerziehbare Frau“ über Anna Politkovskaja sowie sein 2015 uraufgeführtes Stück „Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie“ über die unrühmlichen Protagonisten der Bankenkrise im Jahr 2008. Der Monolog „Ichglaubeaneineneinzigengott.“ entstand 2010 und ist angesichts der neu entbrannten Auseinandersetzungen im Nahost-Konflikt von ungebrochener Aktualität. - © Schauspiel Essen

  • Inszenierung: Sascha Flocken
  • Bühne und Kostüme: Jens Dreske
  • Dramaturgie: Carola Hannusch